The Antique Toy Archive

MINT & BOXED

MODELL FAHRZEUG, July 1991. By Stephan Fennel

Auf der Suche nach altem Blechspielzeug und perfekten Automodellen kommen Sammler an einer wohlfeinen Adresse in England nicht vorbei.

Ein kleines Schild unter dem Eingang weist auf die Top-Prioriät des Geschäfts hin, das sich hinter der schlichten Fassade in der High Street Edgware schon einige Zeit verbirgt: Mint & Boxed heißt es dort, und ebenso, perfekt mit Originalverpak- kung, ist auch die im erfolgreichsten, aber auch teuersten Spezialgeschäft für Blechspielzeug, antiquarische Eisenbahnen und Automodelle angebotene Waren.

 

Einzig der Mercedes SL neuester Ausführung vor dem mit einem weißen Rollo abgeblendeten Schaufenster dokumentiert den Aufschwung, den die Branche seit 1983, dem Jahr der Gründung von Mint & Boxed, genommen hat. Aus den 300000 Pfund (etwa 850000 Mark) Umsatz des ersten Jahres wurden sieben Millionen Pfund (rund 20 Millionen Mark) im letzten Jahr. Und im Geschäftsjahr 89/90, das im Juni endet, durchbrach das renommierte.

Unternehmen bereits vor Abschluß die magische Zehn-Millionen-Grenze — einsamer Rekord einer ganz und gar ungewöhn-lichen Firma und Grund genug für den Besitzer des SL, sich auch noch das passende Kennzeichen zu ersteigern, was in Großbritannien seit einiger Zeit möglich ist. Die Aufschrift ‚DINKY‘ ziert jetzt die Schilder am SL — ein teurer Werbegag, für den 10000 Pfund (etwa 28 000 Mark) zu bezahlen waren.

Ungewöhnlich wie Firmenhistorie und Nummernschilder ist auch der Zutritt zu den heiligen Hallen. Höflich weist die Aufschrift an der Türe auf die Klingel hin, mit der Kunden aus aller Welt um Einlaß ersuchen. Ein britisch zurückhaltend lächelnder junger Mann entfernt einige Riegel und öffnet das Portal. Jeffrey S. Levy persönlich gibt sich die Ehre.

Das Erdgeschoß ist zugebaut mit Vitrinenschränken. Die dezente weiß-blaue Farbkombination gibt dem Raum einen unaufdringlichen Touch. Gefüllt sind die Schränke mit Tausenden von Die-Cast-Pretiosen aus lange zurückliegenden Produktionen von Dinky und Matchbox, Corgi und Tri-Ang, aber auch mit Fahrzeugen ausländischer Herkunft; sogar aus der fernen Sowjetunion stammt eine ganze Serie von Automodellen, die nach westlichen Vorbildern gefertigt sind.

Während der Fotograf nach Motiven und Perspektiven Ausschau hält, erzählt Jeffrey seine steile Karriere im Modell-Geschäft. Erst 1978 begann der heute 33jährige Blechspielzeuge übenNiegend deutscher Abstammung zu sammeln.

Fünf Jahre lang investierte er eine Menge Zeit und das im elterlichen Whisky-Exportge-schäft verdiente Geld in sein teures Hobby, baute Kontakte zu Sammlern und Anbietern in aller Welt auf und legte sich einen beträchtlichen Grundstock an wertvollen Stücken der Vorkriegsära zu. 1983 fällte er dann den Entschluß, sich mit dem An- und Verkauf der gesuchten Ware selbständig zu machen — eine Entscheidung, die ihm eine Erbschaft über 100000 Pfund ziemlich leicht machte.

Und wieder war es zunächst das Blech-pielzeug so klangvoller Produzenten wie Bing, Carette oder Märklin, das die Firma auf den richtigen Weg brachte. Intelligent ausgenutzte Kontakte, die Vermittlung teurer und seltener Stücke und der gezielte Aufbau eines eigenen Warenbestandes legten den Grundstein für den tadellosen Ruf, den Mint & Boxed in Sammlerkreisen genießt. Außergewöhnliches hat seinen Preis. Mint & Boxed gilt als teuer, aber auch seriös.

 

Jeffrey S. Levy hatte den richtigen Rie-cher, als er einen lnvestment-Boom bei antiquarischem Spielzeug vorhersah. Seit das Sammeln der alten Stücke vor allem unter finanziellen Gesichtspunkten betrieben wird, was allerdings keiner so richtig zugeben möchte, sind die Preise nach oben geschnellt. Eine Auswertung der ersten fünf Geschäftsjahre bei Mint & Boxed ergab eine durchschnittliche Rendite von 400 Prozent — keine Bank kann da mithalten, und die äußerst spekulativen Aktien bieten zu hohes Risiko. So ist es auch kaum venivunderlich, daß gerade 1987, nach dem großen Börsenkrach, das Interesse an den kleinen Altertümern vergangener Jugendtage sprunghaft anstieg.

Zu diesem Zeitpunkt war das Angebot bei Mint & Boxed schon um zwei interessante Sammelaspekte und neue Ideen erweitert worden. Zu den Blechspielzeugen gesellten sich zunächst Eisenbahnen aller Perioden und schließlich auch die Die-Cast-AutomodeIIe.Die Züge waren schon eine natürlicheFortsetzung des bisherigen Programmes,da die wichtigsten Hersteller überwiegend deckungsgleich mit denen von Blechspielzeug sind. Lediglich Hornby aus England gesellte sich zu den Nürnberger Traditionalisten.

Der Die-Cast-Markt aber war eine gänzlich neue Erfahrung für die Experten von Mint & Boxed – und eine neue Heraus-forderung dazu. Nicht nur gilt es, sich über ein schier unendliches Warenangebot kundig zu machen. Auch die Gefahren durch Fälschungen sind ungleich größer. Und ein Geschäft, das nur erstklassige Ware, unbespielt und mit zugehöriger Verpackung, Mint & Boxed also, verkauft, hat einen sehr guten Ruf zu verlieren. Die Erfahrungen der letzten Jahre aber zeigen, daß die Londoner Experten auch auf diesem Sektor ganze Arbeit geleistet haben.

Wichtigste Voraussetzung für ein florie rendes Geschäft ist das Wissen, wo was wann zu erstehen ist. Manager Guy Bromley ist der Überzeugung, daß die Firma die Quellen für die meisten raren Sammlerstücke auf der ganzen Welt kennt. Ein Team von Käufern fliegt ständig den Erdball auf der Suche nach neuen Pretiosen ab, die dem illustren Kundenkreis dannangeboten werden können.

Solcher Aufwand hat natürlich auch seinen Preis. Die Kalkulation bei Mint & Boxed bewegt sich deshalb stets an der derzeitigen Obergrenze. Dafür stimmt aber auch der Gegenwert der perfekten Sammlerstücke. Einen Namen machte Jeffrey S. Levy sich unter anderem mit dem Verkauf der berühmten Ottenheimer-Sammlung früher Blechspielzeuge und mit der Peter-Bartok-Kollektion. Einzelne Stücke erreichen dabei immer neue Preisgipfel. Soerzielte die über einen Meter lange Imperator, ein Spielzeugdampfer aus dem letzten Jahrhundert, bei ihrem Verkauf nach Ame-rika 200000 Dollar (rund 350000 Mark) — 1988 noch der Rekordpreis für das teuerste jemals verkaufte Sammlerstück. Der glückliche Besitzer erstand nicht nur ein 1885 von Märklin gefertigtes Schiff in perfektem Zustand, sondern auch eine Legende; der ursprüng Iiche Auftraggeber dieser Einzelanferti gung war die Familie Habsburg, der für ihren Kronprinzen von Österreich schon damals nichts zu teuer war.

Bereits Ende 1989 übertraf ein anderes Stück aus Märklin-Fertigung diesen Flekordpreis noch bei weitem. Für 165000 Pfund (etwa 450000 Mark) wechselte ein riesiger Blechbus in der Ausführung „London Road Car Company Limited/Hammersmith — Oxford Circus“ seinen Besitzer. Doch diesmal ging das Schmuckstück nicht nach Amerika oder Japan, den beiden wichtigsten Märkten von Mint & Boxed, sondern auf das europäische Festland, wo es in einer Großstadt an der Elbnun einen neuen Parkplatz gefunden hat.

Auch bei den Eisenbahnen konnte Mint & Boxed einen echten Knaller landen. 1905 hatte Märklin eine Nachbildung des Reisezugs des Zaren Nikolas gefertigt, welche diesem anläßlich seines taatsbesuchs  Paris übergeben wurde. Uberhäuft von Geschenken ließ der Zar diese kunstvolle Replik dem Hotelmanager als Anerken nung zurück. Nach dessen Tod entdeckte seine Enkelin das Einzelstück im Landhaus des Verblichenen. Die herbeigeru-fenen Experten aus dem Londoner Norden erkannten die Echtheit des Zuges, und wenig später stand das Meisterstück in den Ausstellungsräumen an der High Street Edgware — mit einem bis dato unbekannten Foto vom Zaren und seiner Frau, als sie das Präsent entgegen-nehmen.

Doch nicht nur deutsches und britisches kommt bei Mint & Boxed zum Verkauf, wenn auch die Sahnestückchen aus der hochentwickelten Industrie dieser Län- der stammen. Bei den Nachkriegsangeboten bestimmen eindeutig die japanischen Produkte den Markt. Besonders die Blechautos der fünfziger und sechziger Jahre.

machen eine rasante Preisentwicklung durch. So ist ein Polizeiauto nach amerika- nischem Vorbild mit einer einfachen Kabel- fernsteuerung nicht mehr unter 1000 Pfund (2800 Mark) zu haben. Und auch die Preise für Die-Cast-Modelle heben ab. Ein Jaguar XK 120 Coupe’ von Dinky eifert mit.

325 Pfund (knapp 1000 Mark) seinem berühmten Vorbild nach, während Corgis London Transport Routemaster Bus mit der firmeneigenen Werbung auf den Seitenflächen bereits in Regionen vorstößt, die bis dato Vorkriegsware vorbehalten waren. 550 Pfund (etwa 1500 Mark) verlangt Levy Sammlern für den gesuchten Doppeldecker ab. Und die russischen Kopien westlicher Karossen verlangen auch schon nach einem Hundertmarkschein, will der Ost-Fan sieergattern.

Ist es bei den Die-Cast-Produkten die Masse des Warenangebots, die verblüfft,so erschlägt den Betrachter in den gediegen ausgestatteten Räumen des zweiten.

 

Stocks die kaum vorstellbare Perfektion, mit der rare Blechspielzeuge bereits im vergangenen Jahrhundert gefertigt wurden. Auf dem riesigen Mahagoni-Tisch im Zentrum dieses Mini-Museums führt die Beratercrew den Interessenten die kostbaren Modelle vor. In den. Vitrinen stehen Nachbildungen ganzer Bahnhöfe oder Dorfszenen, komplett aus Blech gefertigt. Von Pferdewagen über Straßenbahnen bis hin zu eindrucksvollen Dampflokomotiven verschiedener Spurbreiten findet sich hier annähernd die gesamte Geschichte maschineller Fortbewegung verkleinert wieder.

Eindrucksvoll auch das Sortiment an Feuerwehren verschiedener Epochen. Überwiegend aus deutscher Produktion, etwa von Guntermann oder Distler, bestechen sie durch ihre Detailfülle. Zum rund 15000 Mark teuren Distler-Arrangement gehören neben dem eigentlichen Fahrzeug auch diverse Figuren sowie eine Feuerwache, allerdings als etwas unterpropor- tionierte Garage gehalten.

Der kleine Nebenraum, der von dem imposanten Ausstellungszimmer abgeht, ist eigentlich gar nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt. Hier fristen die angekauften Waren, zum Teil noch demontiert, ihr ärmliches Dasein. Hunderte von Stunden vergehen manchmal, bis aus den unterschiedlichsten Blechteilen wieder ein aufregender Zug, ein majestätisches Schiff, ein chromblitzendes Automobil oder ein prächtiges Gebäude wird. Kaum zu glauben, aber Levys Spezialistenteam hält es für einfacher, ein rares Exemplar zu demontieren und später wieder zu einem kleinen Kunstwerk zu vereinigen, als das Risiko eines Transportschadens beim kompletten Modell auf sich zu nehmen. Zudem können die Kleinode während des Aufbaus vorsichtig gereinigt werden. Restaurieren steht allerdings nie auf dem Programm, die Stücke befinden sich immer im Originalzustand und geben so eindrucksvoll Zeugnis über ihren Lebens- und manchmal auch Leidensweg ab.

Um eine wirklich großartige Sammlung zusammenzustellen, muß der Interessent in der Regel neben einem dicken Batzen Geld auch viel Zeit und Anstrengung bei der Recherche aufwenden. Diese Arbeit wird dem Investor bei Mint & Boxed von Kennern der Szene und Materie abgenom-men. Besonders die Nachforschungen nach Produktionszahlen und -daten ist extrem anstrengend, da viele der Firmen heute nicht mehr existieren und Unter-lagen nur schwer, oftmals gar nicht, aufzutreiben sind.

Einen Überblick über das Marktangebot gibt der zweimal jährlich erscheinende Farbkatalog, in dem sich die Sammler auch über den aktuellen Stand der Preise informieren können. Viele der Angebote, besonders im Die-Cast-Bereich, sind häufig billiger zu bekommen — vielleicht sogar im gleichen Top-Zustand wie in Edgware. Eine lohnenswerte Ausgabe sind die fünf Pfund für das Nachschlagewerk aber allemal, und sei es nur, um die Sandkastenge fährten der „Jugend zu entdecken und sich über die eigene Unvorsichtigkeit beim Spielen zu ärgern. Denn die hohen Preise für noch gar nicht mal so alte Sachen liegen natürlich auch darin begründet, daß viele der alten Spielgefährten ein schlimmes Ende auf den Müllhalden dieser Welt nahmen, was das .natürliche Angebot arg reduziert hat.

Jeffrey S. Levy ist meist in der glückIichen Lage, die raren Stücke in perfektem Zustand besorgen zu können. Auch die Echtheit der Modelle ist garantiert — Mint & Boxed hat schließlich einen Ruf zu verlieren. Und außerdem können die Experten um Levy und Bromley mit Rat und Tat beim Aufbau einer Kapitalanlage behilflich sein, die auch noch Spaß macht. Mit diesem Renommee und mit der Eröffnung einer Dependance an New Yorks berühmter wie teurer Madison Avenue ist die Zukunft von Mint & Boxed auch langfristig gesichert.

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